Leserbrief: Die Geschichte vom günstigen Strom, den man im Freigericht nicht will

Potentieller Standort einer Windkraftanlage (Foto: IG Gegenwind)

Die Geschichte vom günstigen Strom, den man im Freigericht nicht will

Es war einmal eine friedliche Gemeinde, das Freigericht, in dem man seit Monaten heftig über die Errichtung von 4 Windkraftanlagen im Neuseser Wald diskutiert. Dabei werden viele Dinge durcheinander geschmissen und auch die Kommentare von einzelnen Kommunalpolitikern sind mehr verwirrend als erklärend. Unbestreitbar ist, dass die Stromkosten in Deutschland mit Abstand die höchsten in Europa sind und es scheint so, dass wir diesen Titel mit aller Energie verteidigen wollen. Obwohl Deutschland im internationalen Vergleich bei der Erzeugung von erneuerbaren Energien gut abschneidet.

Da lohnt sich mal ein Blick hinter die Kulissen, denn gut 40% des aktuellen Durchschnittsstrompreises gehen an den Staat. Die Herstellungskosten für Strom sind in unseren Nachbarländern auf einem vergleichbaren Niveau, die Steuern und Abgaben machen den Unterschied. Die geplante Abschaffung der EEG wird nur ein Einmaleffekt sein, der die Strompreiserhöhung kurzfristig etwas abbremst, aber nicht nachhaltig aufhält. Der notwendige Ausbau der erneuerbaren Energien muss ohne Zweifel zum Wohle der Bevölkerung, als auch zur Sicherung des Wirtschaftsstandorts Deutschland vorangetrieben werden. Dabei sollten aber ideologische und parteidogmatische Einstellungen nicht das Vorgehen bestimmen, sondern es ist eine gesamthafte Betrachtung notwendig.

Im Main-Kinzig-Kreis sind schon weit über 100 Windkraftanlagen in Betrieb und damit ist man mit großem Abstand Spitzenreiter in Südhessen. Allerdings hat sich dieses Engagement nicht bei den Strompreisen für die Bevölkerung bemerkbar gemacht. Der Grundversorgungstarif im Freigericht ist deutlich über den Strompreisen in Alzenau, Hanau, Aschaffenburg, Offenbach oder Frankfurt usw., wo keine Windräder stehen. Die Tarife können jederzeit über Vergleichsportale geprüft werden. Das sollte mal zu denken geben!

Es ist auch bekannt, dass die Kreiswerke Main-Kinzig GmbH über ihre Beteiligungen an Windkrafträdern in Wächtersbach-Neudorf und im Jossgrund in den letzten Jahren schon mehrere Million Euro Verluste eingefahren haben. Ob sich die Investitionen irgendwann mal auszahlen? Nun plant die Gemeinde Freigericht in Neuses in der Nähe der Gaststätten Fernblick/Fronbügel 4 Windkrafträder. Dafür müssten dann mehrere Hektar Wald abholzt werden. Durch klimabedingte Schadereignisse hat Deutschland in den letzten 3 Jahren fast 5% seiner Waldfläche verloren. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Fichtenmonokulturen im Flachland und in den Mittelgebirgen. Dank der nachhaltigen und umsichtigen Forstarbeit im Neuseser Wald steht hier der Mischwald aus Laub- und Nadelbäumen gut da und ist somit durch die verschiedenen Baumarten gut gegen die Herausforderungen des Klimawandels gerüstet. Ein Hektar Wald speichert durchschnittlich 10 Tonnen CO2 pro Jahr und nicht zu vergessen, die kühlende Wirkung und der Erholungswert. Wir benötigen in der aktuellen Situation den Wald dringender denn je.

Es macht doch keinen Sinn, einen gewachsenen intakten Wald abzuholzen, in der Hoffnung, das wird schon wieder. Wenn wir unser Ökosystem Wald nicht schützen, wird der Klimawandel uns und die Tier- und Pflanzenwelt noch stärker treffen, da CO2 viele Jahre in der Atmosphäre verbleibt. Für die Naherholung der Freigerichter würden sich dann die Ausflüge in den nahen bayerischen Spessart anbieten, denn Spaziergänge, Radfahren oder Waldbaden sind hier glücklicherweise im Einklang mit der Natur möglich.

Auch Aussagen, dass mit 4 Windkraftanlagen der Strom- und Wärmebedarf des gesamten Freigerichts gedeckt würde, ist irreführend. Der gewonnene Strom wird in das öffentliche Netz eingespeist und steht somit der Allgemeinheit zur Verfügung und kommt nicht direkt bei den Bürgern vor Ort an. Für die Bürgerinnen und Bürger des Freigerichts gibt es bei diesem Geschäftsmodell keinen direkten Vorteil, man zahlt weiterhin den hohen Strompreis und hat noch obendrauf sein Naherholungsgebiet dafür geopfert. Die Gemeinde erhält als Grundstückseigentümer Pacht und Abgaben in Höhe von bis zu 300.00 Euro pro Jahr was weniger als 1% des Gemeindehaushalts ist oder wohlwollend gerechnet lediglich 25 Euro pro Einwohner. Eine finanzielle Beteiligung der Freigerichter Bürger, ist zwar theoretisch möglich, aber es gibt in Hessen dazu keine Verpflichtung für den Betreiber. Außerdem würde eine Beteiligung nur für die Bürgerinnen und Bürger in Frage kommen, welche auch die entsprechenden finanziellen Mittel zur Verfügung hätten.

Was für Alternativen bieten sich an: Der Gemeinde Freigericht liegt seit Monaten das Konzept eines regionalen Unternehmens vor, welches eine Freiflächenphotovoltaikanlage mit Speicherlösung beinhaltet, die den kompletten Strombedarf des Freigerichts abdecken kann. Dieses Modell sieht eine direkte Versorgung aller Haushalte des Freigerichts mit deutlich günstigeren Strompreisen als marktüblich, vor. Das Konzept ist wirklich eine win-win Situation für die Bevölkerung, die Natur, das Klima, die Landwirtschaft und auch die Gemeinde profitiert davon. Die Stromkosten werden weiter steigen und die Freiflächen-PV ist eine Alternative für das Freigericht nicht nur 2022 sondern für die nächsten Jahrzehnte. Andere Gemeinden in der näheren Umgebung setzen solche Konzepte zum Vorteil Ihrer Einwohner schon erfolgreich um. Was hindert den Bürgermeister und die Gemeindevertreter der Grünen, SPD und UWG, sich zum Wohl aller Bürgerinnen und Bürger im Freigericht einzusetzen?

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